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Es war einmal, aber ist es noch so? Märchen unter der Lupe

Prinzen retten Prinzessinnen und eine fleißige Frau ist besser als eine schlaue. Oder? Zeit, die Geschlechterrollen in Märchen genauer anzuschauen.

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Märchen begleiten uns meist bereits seit unserer Kindheit. Egal ob zur Weihnachtszeit oder als Gutenachtgeschichte: Märchen dürfen da nicht fehlen. Zu den wohl beliebtesten und bekanntesten gehören mitunter die Märchen aus Tausendundeine Nacht oder aus der Sammlung der Gebrüder Grimm. 

Doch viel zu oft lenken uns die  gutaussehenden Prinzen auf dem weißen Ross davon ab, wie problematisch die Geschlechterrollen teilweise sind. Denn viel zu sehr bewegen uns die herzzerreißenden Liebesgeschichten, die weltbewegenden Handlungen und die Moral der Märchen.

Die Gebrüder Grimm

Um die Geschlechterrollen in der Sammlung der Gebrüder Grimm zu verstehen, braucht es eine kleine Zeitreise:

Jacob und Wilhelm Grimm wurden 1785 und 1786 in Hanau geboren, studierten später Jura in Marburg und lebten in Kassel. Mit Sagen und Märchen waren sie schon in ihrer Kindheit in Berührung gekommen und fingen zu Beginn des 19. Jahrhunderts an, diese Geschichten zu sammeln. Geprägt von der Hochromantik und der Zeit der Biedermeier waren die Geschichten damals vor allem eins: Ein Spiegelbild der damals vorherrschenden Geschlechterrollen. Diese zeichneten sich durch ein nach außen perfektes Familienbild aus. Der Mann war der Ernährer. Die Frau war Mutter und Hausfrau.

Das Frauenbild in Märchen:  Dumm: yay! Faul: nay!

Doch wie werden Frauen nun in den Märchen aus dieser Zeit dargestellt? Beziehungsweise: Wie wird die eine Frau dargestellt, schließlich konnte es schon damals nicht zwei geben und falls doch, tja, dann geraten sie mit hoher Wahrscheinlichkeit aneinander. So beschreibt es Carolin Kebekus in ihrem Buch “Es kann nur eine geben”. Ihrer Ansicht nach sind die meisten weiblichen Charaktere „austauschbar und passiv“. Sie bekommen selbst nichts auf die Reihe und sind oft, nun ja, einfach nur dämlich.

Ein Beispiel hierfür ist die weltberühmte Geschichte von Schneewittchen. Kurzfassung: Sie flieht vor ihrer bösen Stiefmutter zu den sieben Zwergen. In der Hoffnung auf Schutz und Sicherheit freundet sie sich mit sieben fremden Männern an und tappt dann drei Mal in die Falle der Stiefmutter. Zum Glück ist da ein Prinz, der sie ohne ihre Einverständnis entführt und ihr zufällig das Leben rettet … Happy End oder dümmer geht es nicht? Der Charakter “Schneewittchen” hat aber auch vermeintlich positive Seiten: Sie ist bildschön und räumt ohne zu fragen die Hütte der sieben Zwerge auf, bekocht und bemuttert sie und erfüllt somit die Aufgaben einer Hausfrau. Schlau muss sie dafür nicht sein.

Und sie ist damit nicht allein: Die kluge Else aus dem gleichnamigen Märchen ist, anders als es ihr Name vermuten lässt, nicht unbedingt die hellste Kerze auf der Torte. Für ihren zukünftigen Ehemann stellt das zunächst kein Problem dar. Als sich aber herausstellt, dass Else nicht nur dumm, sondern auch noch faul und für den Haushalt nicht zu begeistern ist, verjagt er sie aus seinem Haus. Dumm: yay! Faul: nay!

Das Frauenbild in Märchen: Ohne Fleiß kein Preis!

Wie weit einen Schönheit und Fleiß bringen können, zeigt sich auch in “Frau Holle”. Die Geschichte handelt von zwei Stiefschwestern. Die Mutter liebt ihre hässliche und faule Tochter sehr und verabscheut die schöne und fleißige Stieftochter. Während die Stieftochter am Brunnen sitzt und spinnt, fällt ihr die blutige Spule in den Brunnen. Sie springt daraufhin hinein, erwacht anschließend auf einer Wiese und muss einige Aufgaben erledigen, bevor sie schließlich bei Frau Holle landet und ihr eine Weile im Haushalt zur Hand geht. Zum Dank belohnt Frau Holle sie am Ende mit Gold und einem schönen Kleid.

Als das fleißige Mädchen nach Hause zurückkehrt und die faule Stiefschwester sie bemerkt, fällt diese absichtlich in den Brunnen hinein, um ebenfalls belohnt zu werden. Doch die faule Stiefschwester ist sich für die Aufgaben zu schade und wird vor ihrer Rückkehr nach Hause mit Pech übergossen. Das Märchen feiert also den Fleiß und Gehorsam bei Frauen. Faulheit hingegen wird bestraft und von der Gesellschaft verachtet.

Das Frauenbild in Märchen: Es geht auch anders!

Schriftstellerin Felicitas Hoppe arbeitet in ihrem Buch “Grimms Märchen für Heldinnen von heute und morgen” aber auch heraus, dass Märchen nicht nur aus klischeehaften Frauenbildern bestehen. Sie sieht verschiedenartige und vielschichtige Charaktere, von schönen und fleißigen, bis hin zu faulen und bösen. Schönheit beispielsweise kann ihrer Auffassung nach dabei sowohl für Stärke, als auch für Schwäche stehen. Kurz zusammengefasst: Ihrer Meinung nach gibt es weitaus mehr zu sehen und entdecken als nur die herkömmliche Liebesgeschichte von der hilflosen Prinzessin, die vom Prinzen gerettet werden muss – der in seiner Rolle, ja dadurch auch ganz schön eingeschränkt ist.

Das Männerbild in Märchen: Passives Heldentum

Hier kommt wieder Carolin Kebekus ins Spiel, die in ihrem Buch auch auf die Männerbilder blickt. Von denen gäbe es auch einige, die eher passiv und gar nicht mal so heldenhaft dargestellt würden. Ein Beispiel hierfür ist das Märchen Hänsel und Gretel. Zwar ist zu Beginn dieser Geschichte Hänsel am Drücker, doch später ist er dann auf die Hilfe seiner Schwester angewiesen und zum Schluss ist es Gretel, die die Hexe in den Ofen schiebt und den Weg nach Hause findet. Ihre Schlauheit ist seine Rettung.  

Und die Moral von der Geschichte?

Zugegebenermaßen ist es schwierig, die schönen Geschichten aus der Kindheit zu überdenken. Aber es lohnt sich! Man stößt dabei auch auf solche Geschichten, in denen Frauen weniger klischeehafte Eigenschaften zugeschrieben werden: Sie sind darin herrschende Königinnen, wegweisenden Retterinnen und gar nicht so dumm, wie sie woanders dargestellt werden. Das sind die Märchen, die wir erzählen sollten!

Happy End! 

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